Wagnisse – oder auch nicht.

„Leave your fucking comfort zone“, sagte J., einer meiner liebsten Freunde, rauchend und tief über den Holztisch seiner Berliner Altbauwohnung gebeugt.

Allein dieser Satz lässt mich, die Augen weit geöffnet und scheu, in eine Starre verfallen.

Auch meine letzte Nacht war schlaflos, ich habe wieder zu zeichnen begonnen. Zentangles, einfachster Graphic Novel Stil, Skizzen. Nichts Zeigbares, aber Gedanken. Burn your fucking bucket list, steht unter einem davon.

In den letzten Tagen ist es immer wieder diese Ambivalenz, die mich wachhält: Fernweh, Angst, Lähmung. Unzählige Punkte in Listen, aber kein Mut, sie umzusetzen und die Unfähigkeit, anzuerkennen, was bereits geschafft ist.

Bevor ich nach Südnorwegen kam, bin ich mit meiner Beziehung auf die Lofoten gefahren.

Fast am Ende unserer Reise landeten wir in einem winzigen Fischereidörfchen in einer noch winzigeren Bar und spielten Schach als uns ein älterer Mann Gesellschaft leistete. Er verriet uns seinen Namen und dass er an dem Tag nur deshalb in der Bar sei, weil er seine Rente bekommen hätte. Wo wir gut zelten könnten und dass wir gerne bei ihm duschen dürften. Letzteres war mir ein wenig zu viel der Gastfreundschaft, aber den ersten Hinweis nahmen wir dankbar an, beendeten unser Spiel und gingen zum vorgeschlagenen Ort.

Tatsächlich fanden wir dort einen wunderbaren Platz (an dem unser Zelt wenige Tage später in tiefem Moos absoff) und – eine Gruppe norwegisch-kolumbianische Hippies, die uns abends zum Lagerfeuer eingeladen haben. Einer dieser wunderbar kuriosen Zufälle für die ich Reisen mit einem Gespür für Offenheit, Trampen und unerwartete Begegnungen liebe.

Und nun sitze ich mit dieser Erinnerung in einem Wohnheimzimmer und soll meine freie Zeit im Dezember planen, zwei Wochen zwischen der letzten Abgabe und meiner Abreise.

Zeit, die ich in einem Café verbringen könnte und an meinem Paper arbeiten.

Oder aber nachholen, was ich versäumt habe als das Wetter es noch erlaubte, weil ich, Überraschung: Angst hatte und mehr Zeit brauchte, um mich auf die Menschen hier einlassen zu können: Mit leichtem Gepäck Skandinavien entdecken, reisen, offen sein für neue Begegnungen und unerwartete Wege.

Mir ein Interrailticket für Schweden kaufen, zum ersten Mal, länger und allein reisen, zum ersten Mal, nur von Couch zu Couch leben, zum ersten Mal, vor lauter Angst davor nur Listen schreiben und gedankengelähmt im Bett liegen, wie unzählige Male davor. Leave your fucking comfort zone. Soviel wie möglich vor dem Dezember am Paper schreiben. Die Listen vernichten und erleben, nicht weil es Teil irgendeiner to-do-Sammlung ist, sondern sich richtig anfühlt in dem Augenblick und Gelegenheiten nutzen, wenn sie sich in Köpfen festbeißen. Tatsächlich hinterlässt das weniger den Pathos dieses Textes bei mir als vielmehr: Übelkeit.

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