Apotheken und Apathie

Meine Finger streichen immer wieder über die fünf Medikamentenpackungen, die ich abgeholt haben. Ich ertappe mich dabei, wie Finger und Blick immer wieder zu diesem einen Röhrchen zurückkehren:

Diese Kapseln mit denen sie mich stark vergiften werden. Gefasst in ein braunes Röhrchen, wie ich es nur aus den nordamerikanischen Filmen kenne. Würde ich wirklich in den USA leben, würde ich diese Kapseln wohl nicht bezahlt bekommen, Unerhörtes über Patentpolitik ausgeblendet, Privilegien, zwanzig Stück, ein vierstelliger Betrag. „Tja, erbrechen sollen Sie die nicht. Aber übel wird Ihnen werden, im Gehirn gibt es tatsächlich so etwas wie ein Brechzentrum. Also verschreibe ich Ihnen noch etwas [Tabletten wohlgemerkt, die meine Hausärztin als problematisch in der Zulassung beschrieben hat], prophylaktisch“ , erklärt mir mein männlicher Onkologe fast glucksend. Tabletten bei denen die Apothekerin nicht mehr versucht, noch ein seltsam riechendes Pröbchen einer Tagescreme oder eine Packung Taschentücher mit in die Tüte zu legen.

Ich kann nicht aufhören, dieses Röhrchen immer wieder anzusehen. Was soll ich tun an meinem letzten Tag für viele Monate an denen es mir gut gehen wird? Wann habe ich eigentlich gesagt, dass ich diese Therapie will? Schlafen. Nur schlafen. Es geschieht alles sehr schnell. Kein Gefühl der Fremdbestimmung, keine Überforderung, aber dieses lobotomisierte Folgen aller Anweisungen ohne Gegenwehr. Es ist mir so gleichgültig, beendet eure panische Eile, dieses Versprechen, dass der Tumor nicht wächst oder wiederkommt, kann nicht gegeben werden.

Ich habe sie gefragt, mit klarer Stimme und ohne Angst. Wenn er wiederkommt, und wir alle wissen, dass das wahrscheinlich ist, wird immer dieselbe Stelle betroffen sein in meinem Gehirn oder kann er übergehen auf andere Bereiche? Wird sich meine Lebenserwartung verkürzen? Und dann diese Antwort: Nein, es kann sein, dass er an andere Zellen streut. Und: Auch wenn Sie beste Voraussetzungen für die Behandlung jetzt haben, können wir nicht sagen, ob er wiederkommt und wann, ja, er kann die Dauer verkürzen, alles was bleibt, ist, das engmaschig zu überwachen, schnell zu handeln, wenn er zurückkehrt und einen Umgang damit zu finden, dass das jetzt meine Situation ist mit all ihren Ungewissheiten.

Leises, wissendes Kassandranicken, kaum Gefühle. Betäubung, Schreie, Tränen wann immer mir eine neue Situation begegnet in der mir der Verlust meiner Autonomie bewusst wird, klares Abwägen, viel Zynismus, wenig mehr. Unter dem Pflaster, ja da liegt der Strand. Wer werde ich sein, wenn das alles vorbei ist?

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