Vom Vorwärtsgehen und Innehalten

Der Gedanke, Dinge tun zu müssen, steckt ziemlich tief in mir. Das ist nicht immer sinnvoll und wird oft genug von Prokrastination blockiert, er führt aber vor allem dazu, dass ich mir tausend Projekte vornehme und mich bei der Umsetzung auch nur eines einzigen davon lähme. Neulich sagte ein Freund zu mir, ein Schmunzeln auf den Lippen, „Komm, gib’ Dir mehr Zeit. Du hattest vor kaum zwei Wochen eine OP an Deinem Gehirn, das darf jetzt schon mal etwas dauern bis alles wieder wird wie früher.“

Recht hatte er. Aber die Anspannung blieb und die Wut auf mich und die Zeit, die ich verschwendet habe als ich dachte, das könnte einfach ewig so weitergehen auch. Also habe ich angefangen, täglich zu testen, ob mein Sichtfeld wieder besser geworden ist. Oder ob ich wieder besser lesen kann. Oft ohne Erfolg, manchmal mit kleinem. So wie heute, als ich endlich wieder einen Blogartikel lesen konnte, sogar einigermaßen meine handschriftlichen Notizen und wenigstens zwölf Zeilen an meinem Paper schreiben konnte. Glücksgefühle darüber und gleichzeitig Angst. Dass das ein Leuchten sein könnte bevor es wieder schlechter wird. Dass diese giftige Mischung aus Langeweile und Frustration über die Möglichkeiten, die mir nicht mehr oder schwerer zugänglich sind, das ist, was bleiben wird. Ob ich es schaffen werde, dieses Paper abzugeben? Oder mal wieder einen Roman zu lesen? Oder zu reisen, allein und ohne Angst?

Im besten Fall war das eine wirklich tiefe Lektion. Im besten Fall übersteh’ ich die Therapien gut, kann mich erholen und mein Gehirn wieder in seinen alten Zustand bringen und habe für eine ganze Weile Ruhe vor dem Krebs. Im besten Fall ist das ein einprägsames Carpe Diem gewesen, das mich näher an meine Freund*innen und Beziehungen gefunden hat und dazu führt, dass ich meine Projekte besser realisieren kann ohne mir dabei so viel Zeit wie bisher zu rauben, die für das Leben gedacht sein sollte statt für Arbeit und Zweifel. Zeit zum Schreiben, Lachen, Erleben. Weit entfernt von einem neoliberalen Wachstums- und Selbstoptimierungszwang. Ausruhen. Die Krankheit erlauben und die Pause, die sie einfordert.

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2 Gedanken zu “Vom Vorwärtsgehen und Innehalten

    1. Danke für Deinen Kommentar! Das kann ich so gut verstehen, ich ertappe mich so, so oft dabei, wie ich mich fangen lasse von diesen Ansprüchen statt einfach einmal darauf zu hören, was eigentlich meine eigenen Bedürfnisse und Träume sind. Das kann ganz schön anstrengend sein.

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