Haarausfall|Dreads|cultural appropriation

Ein Beitrag, der in Aufreibung geschrieben ist, nur andeutet und Schlagwörter gibt. Einer, der nach Hilfe fragt und bloß nicht nach Aufmunterung der Art „Frauen mit Glatzen sind auch toll!“ oder „Mach Dir nicht so viele Gedanken, wächst doch nach!“ [Was zum…?]

In den letzten Tagen kam er, der erwartete Haarausfall. In lähmender Heftigkeit und betäubend. Zu meinen Haaren gibt es viele Geschichten der Stigmatisierung zu erzählen, die längst keine* mehr interessieren – aber meine Erfahrungen mit menschlicher Grausamkeit, wenn Schönheitsidealen nicht entsprochen werden kann, mit kahlen Stellen und um die Verbindung von Weiblichkeit und Haar sind plötzlich wieder präsent geworden als ich zwei überquillende Hände eben dieser Haare vor meine Brust hielt, tief in mich zurückgezogen und wissend um die Grenze, die dabei berührt wurde.

Trichotillomanie, eine Zwangskrankheit, die sich im Ausreißen von Haaren äußert und die mich elf Jahre lang begleitet hat, diese eine der überwundenen Krankheiten aus früheren Jahren, ist eine blasse Erinnerung gewesen, die wieder ins Gedächtnis gerufen wurde. Für mich sind Dreads trotz ihrer (für mich) Schönheit auf weißen Köpfen politisch hochproblematisch – das schlichtweg als Unsinn zu verwerfen ohne genauer zu reflektieren, kann kaum eine Lösung sein. Falls ihr euch darunter so gar nichts vorstellen könnt, empfehle ich diesen Artikel auf der Mädchenmannschaft zu schwarzen Widerstandssymbolen auf weißen Köpfen, die Kommentare zu lesen lohnt hier in jedem Fall.

Ich frage mich dennoch, ob die Möglichkeit, diese Haare, die ich durch die Bestrahlung verloren habe, einer lieben Vertrauten als Verlängerung ihrer Dreads nun für mich selbst zu rechtfertigen sein kann, als Geste der Verbundenheit, als Heilung und als Bewältigung des Verlusts eines Merkmals, das mir mehr bedeutet als Schönheit, nämlich: Überwindung der vergessenen Krankheit. Damit wäre ich Teil einer Bewegung, die ich reflektieren möchte. Aber diese Haare könnten Fortbestehen, wären nicht spurlos verloren, sondern Teil einer Geschichte, den ich nur an Nahestehende weiterreichen möchte, nicht an mir Unbekannte, auf deren Köpfen die Dreads angemessener wären. Konflikte, Ambivalenzen, Grenzziehungen beim Thema kultureller Aneignung.

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Ich will sie nicht einfach in den Müll werfen oder in die Erde geben. Vom Gedanken an den Geruch verbrannter Haare ganz zu schweigen. Und ich werde mir ganz sicher nichts daraus stricken ;) Würde ich sie als z.B. Armband flechten und als Erinnerung an die Krankheit aufbewahren, würde das [bei mir] die Trichotillomanie weiter triggern, ich kann sie nicht verlieren und nicht vor Augen haben, wahrscheinlich auch nicht geknüpft in einem Kistchen, wobei das eine der Lösungen ist, die mir gerade notgedrungen am überzeugendsten erscheint – und schmerzt.

Was tun? Was, wenn Fotos vom Unheil nicht genügen zur Heilung? An dieser Stelle geht es nicht so sehr darum, wie der Ansatz kultureller Aneignung bewertet werden soll, sondern um Ratsuche zum Umgang mit der Situation, der nicht frei sein kann von meinen politischen Überzeugngen. Ich will keine Legitimation für diese mögliche Entscheidung, für mich ist kulturelle Aneignung keinesfalls zweifelsfrei eindeutig besetzt, sondern relevant und unbedingt zu diskutieren. Heißt das für mich, dass die Option, die Haare zu verhäkeln wegfällt oder nicht? Welche alternativen Rituale zum Umgang mit diesem Schlag ins Gesicht, so angekündigt er auch gewesen sein mag, könnte es geben, habt ihr Ideen? Kackscheisze?

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Haarausfall|Dreads|cultural appropriation

Ein Gedanke zu “Haarausfall|Dreads|cultural appropriation

  1. Vorab: Ich persoenlich wuerde Dreads, so schoen ich sie finde, eben wegen des von dir angesprochenen Aspekts der kulturellen Aneignung nicht tragen.
    Trotzdem sehe ich diesen Punkt: „…einer lieben Vertrauten als Verlängerung ihrer Dreads…“ gerade recht pragmatisch (zu pragmatisch?): Es geht, wenn ich das richtig verstehe, um Dreads, die eine Vertraute von dir schon traegt – ihr Entscheidungsfindungsprozess, unter Einbeziehung der Problematik der kulturellen Aneignung ist also schon abgeschlossen. Fuer dich scheinen ihre Dreads zumindest akzeptabel zu sein, sonst wuerde sie wohl nicht zu deinen Vertrauten gehoeren. Ihr deine Haare zu geben waere deshalb fuer mich ok und wuerde ihren Dreads noch eine ganz besondere Bedeutung geben. Deshalb wuerde ich persoenlich das tun.
    Aber: Ich bin unsicher, ob ich das zutreffend beurteilen kann, denn immerhin bin ich weiss und bin noch nie mit den negativen Auswirkungen von kultureller Aneignung in Beruehrung gekommen.
    Waere es fuer dich eine Option, die Frage im Kommentarbereich des verlinkten Artikels zu stellen oder dir weitere Meinungen in einem groesseren Kreis, z.B. auf Twitter, einzuholen?

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