Queering the Canon?

Ganz früh in meiner Schulzeit hatte ich oft fantastische, kritische Deutschlehrer*innen, die mich nicht nur sehr geprägt haben, sondern auch die Fähigkeit besaßen, mich für die Literatur zu begeistern, die in ihren Lehrplänen vorgesehen waren. Auf sehr moderne Literatur konnte ich mich erst ziemlich spät einlassen, aber wenn es um sogenannte klassische Werke ging, war ich immer schnell davon zu begeistern. Mich fasziniert, wie sehr Bücher eine Zeit beeinflussen können und wie viel sie mit Menschen machen können.
Das ist nach wie vor so. Nur ist mein Verhältnis zu dem, was als Weltliteratur oder auch wissenschaftlicher Kanon gilt, mittlerweile sehr viel angespannter.

Wer erstellt einen Literatur- und/oder Bildungskanon aus welchen Gründen mit welchen Privilegien? Welche hegemonialen Machtverhältnisse und Diskriminierungsformen wirken dabei? Was wird aus welchen Gründen nicht in einem Kanon aufgenommen?

Aktuell arbeite ich daran, einen queerfeministischen Lesekreis aufzubauen und stehe wieder vor einer Kanonproblematik.

Gemeinsam mit anderen möchte ich Texte neu- und wiederlesen, die uns verändert haben oder verändern können. Texte, auf die immer wieder Bezug genommen wird im akademischen Diskurs, wenn es um Gender oder Queer Studies geht. Die Ausrichtung wird also eindeutig wieder akademisch sein und nur gelegentlich aufgebrochen werden durch beispielsweise Kapitel aus Graphic Novels. Das soll eine ansprechende Mischung werden aus zentralen Artikeln und unbekannteren Beiträgen, gemeinsam erschlossen mit reflektiertem Redeverhalten und einer aktiven Vermeidung von Wissenshierarchien, die demonstriert werden.

Aber wie kann ich eine Auswahl treffen und dabei Ausschlüsse reflektieren?

Welche Texte sind das für euch von denen ihr immer wieder hört und die ihr als kanonisiert empfindet? Welche zentralen Texte gehen dabei immer wieder unter? Wie kann ich verhindern, dass der Raum, den ich schaffen will, nur auf dem Papier Trans*-/Inter/A-offen ist oder dass die Veranstaltung wieder eine sehr weiß* geprägte wird in der wir, wahrscheinlich alle aus einem akademischen Hintergrund kommend, über Black Feminism diskutieren?

Funktioniert queering als politische Praxis bei so einer Literaturauswahl ausschließlich darüber, dass beispielsweise dem zum Erbrechen weißen*, euro-, andro- und anthropozentrischem (das ist dann wohl das, was viele unter dem Begriff humanistisch verstehen), bildungsbürgerlichen, erstaunlich unkritisch gelassenem Kanon der Philosopie queerfeministische Texte entgegengesetzt werden? Den bestehenden Kanon gründlich, aber kritisch lesen, demaskieren und ihn erweitern?

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Queering the Canon?