Kämpfe ausfechten

Ich habe Angst, am Tumor zu zerbrechen.

Tiefe Schwankungen, immer zwischen Apathie (diese wohl am häufigsten), Raserei, Tränen und brennendem Enthusiasmus. Was davon fordert die meiste Kraft ein?

Immer wieder wird mir gesagt, dass ich diesen Kampf nicht gewinnen kann und dass es darum auch nicht gehen kann. Kämpfen als Selbstzweck, nur, um alles versucht zu haben, was mit der Lebensqualität vereinbart werden kann.

Eine Erwartungshaltung, die mir entgegengebracht wird und deren wiederkehrende Abwesenheit ich mir selbst kaum verzeihen kann. Es gibt diese Momente in denen ich alles, was nur irgend vielversprechend klingt, nicht unversucht lassen möchte.

In denen ich die Prognose als das begreife, was sie ist: Statistik. Die Option einschließend, dass mein Alter, ein bestimmter Promoter, der anzeigt, dass mein Körper durchaus gut auf Chemotherapien ansprechen sollte, und mein allgemeiner Gesundheitszustand. Es kann durchaus sein, dass ich noch drei Jahre habe. Oder fünf. Oder zwanzig.

Wer soll gut leben können mit dieser Ungewissheit, wenn Vergessen beinahe unmöglich ist? Ich war nie sonderlich optimistisch und empfinde es als vulgär, von außen mit der stillen Erwartung konfrontiert zu werden, es doch wenigstens jetzt zu versuchen.

Gestern wurde mein Gehirn wieder im MRT untersucht, über das Ergebnis kann ich vor meinem Nachgespräch am Dienstag nichts sagen.

Nur, dass mir immer bewusster wird, dass bildgebende Verfahren bei der Entwicklung dieser Krankheit nicht ernsthaft dazu dienen, Beruhigung zu schaffen, sondern Therapien zu planen. Es geht um die Entscheidung, ob ein neues Rezidiv operiert werden muss, ob ich wieder bestrahlt werden soll und/oder ob das PCV-Protokoll trotz Abbruch eine tumorhemmende Wirkung gezeigt hat. Nicht viel mehr, nicht weniger. Sollte auf den Bildern jetzt wieder ein Tumorsaum oder Ähnliches zu sehen sein, wäre das ungünstig für die Prognose, die doch aber beim Glioblastom nahezu immer verheerend ist. Und dennoch: Anspannung, die ganze Zeit über. Warten auf ein eindeutiges Ergebnis.

Angst vor einem weiteren Zyklus unter PCV. Gedanken, die immer wieder um Studien, Avastin und diese beiden Möglichkeiten: zu früh zu sterben, um all das erleben und hinterlassen zu können, was ich in Träumen geplant hatte und doch länger zu leben als viele in der gleichen Situation und doch immer zu wissen, dass das Blatt sich innerhalb weniger Stunden wenden kann. Jederzeit und ohne Ankündigung.

Wer hätte mich das lehren können? Zu leben und leben zu wollen in Angst? Oder auch: Ein Leben zu planen, immer beide Optionen im Kopf. Tief einzutauchen in die Welt, so tief, dass es jederzeit vorbei sein darf und dann doch wieder und immer noch Perspektiven zu haben, die ich ernstnehmen kann, die groß sind, aber unvollendet Erfüllung versprechen können und mehr Sinn ergeben als die Kleinstziele, die gerade noch so funktionieren momentan (Geduscht? Vernünftig gegessen? Nicht wahnsinniger geworden heute? Guter Tag). Da gibt es Projekte, die aber doch von der aller Sorge gebremst werden.

Viel Schatten heute. Dabei gibt es doch auch Positives: Ein Agallochkonzert. Die Entscheidung, doch alle Haare abzurasieren, um den (vergleichsweise geringen) Haarausfall unter der Chemo besser ertragen zu können, mich wohler zu fühlen und tatsächlich auch einmal wieder wahrgenommen zu werden von Frauen (und auf krude Art weniger Stigmatisierung zu fühlen. An den Blicken hat sich nichts geändert, im Gegenteil. Aber an der Entscheidung, auch ohne irgendein Versteckspiel zu Späti gehen zu können)

Nähe. Tage, in denen die Entfremdung weniger stark ist. Regen. Atmen. Leise träumen, noch leiser darauf hoffen, dass ich Zeit und Kraft genug habe, wenigstens ein wenig davon zu realisieren. Briefe. Und das überraschte, zufällige Bemerken: Ich kann nach wie vor keine Romane lesen, das bleibt zu anstrengend. Aber Gedichte funktionierten. Also: Brecht, Fried, Celan – in kleinen, genussvollen Dosen, nicht zu stürmisch, auf dass ich dabei nicht verbrenne. Das gibt so viel Kraft, trotz alledem.

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Kämpfe ausfechten

Ein Gedanke zu “Kämpfe ausfechten

  1. Ich bin gerade – eigentlich, weil ich nach weiteren Poly-Blogs gesucht habe – hier gelandet.
    Wir kennen uns nicht, aber zu lesen, wie es dir geht, macht mich tief betroffen.
    Ich wünsche dir von Herzen alles alles Liebe, ganz viel Kraft – und natürlich auch irgendwie ein Wunder! – und schicke ganz viel positive Energie in deine Richtung!

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