Viel Rasen, viele Tränen, viel Glück, viel Brennen, viel Fallen. Immer wieder Brüche und die Suche nach dem tiefsten Erlebbaren.

„Gute Nachrichten heute, Frau zimtkopf“ und die Sättigung in den Augen meines Onkologen. Tränen in den Augen der Beziehung und Apathie in meinen.

Die neuesten MRT-Bilder habe ich, gegen ärztlichen Rat, schon allein vor der Auswertung angesehen. Misstrauen, vor und nach dem Gespräch. Wenig Freude, weniger Aufatmen als von mir erwartet wird.

Was nicht verstanden wird: Ein Glioblastom, dessen Wachstum gehemmt wird oder minimal rückläufig ist, so genau ist das selten eindeutig zu beurteilen, bedeutet nicht Heilung, sondern im Optimalen einfach nur das Naheliegende: Ruhe. Anschlagen der Therapie. Um ein paar Monate verbesserte Überlebenschancen. Selten aber möglich das Wunder, das als leise Hoffnung in den Augen meiner Lieben leuchtet.

Weshalb bist Du so undankbar//pessimistisch//lebst Du nicht so in aller Tiefe//hoffst Du nicht//wennduerstmalaufhörstzukämpfenistbereitsallesverloren.

Wer sagt mir, wie ich leben kann – ohne Ratschläge, die vom vulgären Optimismus triefen, die Ohnmacht zeigen und Ratlosigkeit und deshalb legitim, aber so schmerzhaft sind und mir die Möglichkeit einer Verarbeitung, die nicht verweigernd ist, trüben.

Weil Dinge geschehen sind, die ich als traumatisierend werte. Weil diese Ereignisse in der Kombination mit der Gewissheit, dass es in jedem Moment in dem ich atme eine Drohung liegt, dass es im nächsten wieder etwas verlieren und Gewalt erfahren werde. Weil Krebs ohnmächtig macht und anders als der Autounfall an dem die Leserin in einer halben Stunde sterben könnte so hinterlistig ist und ankündigt, dass und wann üblicherweise etwas verloren sein wird. Weil ich seit meiner frühen Jugend mit Gedanken gespielt habe, die einen frühen Tod bedeuten, aber keinen Weg kenne, mit der allgegenwärtigen Drohung umzugehen, dass mein eigener Körper mir in den Mund spuckt. Und weil der Gedanke, ganz plötzlich zu sterben sich gnädiger anfühlt als dieses schleichende.

Es geht also weiter: Die Chemo nach einem veränderten PCV-Schema durchleben, diesmal ohne Infusion und verkürzt um die Nebenwirkungen erträglicher zu halten. Auch hier wieder: Vier bis sechs Chemozyklen werden üblicherweise ausgehalten, danach muss oft ein anderes Medikament gefunden werden. Keine tröstende Aussicht, aber ja, der Vollständigkeit halber: Es gibt auch ein paar Menschen, die die Medikamente in dieser Zusammensetzung mit leichten Veränderungen in der Dosierung auch ein Jahr lang nehmen können. Warten. Tiefe Erschöpfung, Kopfschmerzen, tiefe Gefühle, Apathie, Depression und Euphorie im rasenden Wechsel.

Haare abrasieren, komplett. Den Umzug vorantreiben. Und tatsächlich: Ganz gut und intensiver leben als zuvor…allerdings auf eigenen Wegen.

Vor zwei Tagen sah ich einen alten Freund wieder, einen, mit dem ich immer schon, ohne Blicken auszuweichen oder Gedanken voreinander zu filtern und seit unserer ersten Begegnung auch immer wieder selbstbestimmtes Sterben besprochen habe. Ich finde uns wieder in diesem ungeschönten Gespräch in dem ich fern einer konkreten Suizidalität doch wieder an diesem Punkt des Gesprächs ankomme.

Die Verabschiedung, die ich mir wünsche, werde ich an diesem Abend nicht erhalten, aber ungewohnte Worte in unserer wunderbaren, tiefen, zerstörerischen Freundschaft: „Lebe, J., egal wodurch, nur: intensiv. Noch bist Du nicht tot.“ Am Ende war es in diesem Moment genau das Gespräch, das ich brauchte: Gnadenlos, intensiv und kraftspendend.

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Ein Gedanke zu “

  1. Ich habe seit meinem Kommentar zu deinem vorherigen Beitrag überlegt, ob ich dir das noch schicken soll oder nicht – falls das total anmaßend ist und unter nervige Ratschläge fällt, fettes Sorry! Aber vielleicht hilft es dir ja auch irgendwie:
    Vor ein paar Monaten sah ich ein sehr berührendes Interview, in dem ein Krebskranker von seinem Umgang mit der Krankheit berichtet und davon, wie er es geschafft hat, das Kämpfen aufzugeben, ohne in ein totales Loch zu fallen.
    http://veitlindau.com/sag-ja-zu-deinem-leben/
    Titel und Beschreibung klingen auch nach „vulgärem Optimismus“, aber das war es nicht im geringsten, sondern eben… ja, das Ende des Kämpfens, eine Art, Frieden mit der Situation zu finden, ohne sich selbst aufzugeben, aber auch, ohne sich in Pseudo-Optimismus zu verrennen.

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