Im Leben tanzen | Zum Sterben in die Schweiz fahren?

Ihr Lieben,

morgen wird es keine Sieben Sachen geben von mir, vertretet ihr mich? Stattdessen gibt es einen Blogeintrag in Überlänge. Das Leben hat in den letzten Tagen zu intensiv und schön gespielt, viel Kakao, vielen Lieblingsmenschen begegnen und ernste Pläne teilen, viel Musik, viel Natur, Bäume umarmen, träumen und unterwegs sein. Momente, die so wertvoll sind, dass sie voll ausgekostet werden wollen und in denen ich die Augen nur zum Blinzeln in der Sonne schließen möchte oder mit dem Gesicht ins Fell der Katzen eingegraben.

Ein Herzensmensch hat mir gespiegelt, dass es Zeit und Kraft brauchte, um zu verstehen, dass alle meine Verneinungen nicht meinen, dass das Ja darin nicht implizit ist.

Vor gar nicht langer Zeit wurde mein MRT ausgewertet und es macht gewohnt ambivalente Gefühle: Die Bilder zeigen, dass der Zustand stabil ist, kein Tumorwachstum also. Das ist fabelhaft, gerade weil die Umstellung der Chemotherapie vom PCV-Schema auf eine Mono-CCNU-Therapie bei mir viel Sorge mit sich gezogen hat.

Interessant war die Information, dass meine Resektionshöhle, also der Raum in meinem Gehirn an dem der Tumor und später sein Rezidiv saßen, mit dem Ventrikelsystem verbunden ist. Nicht weiter tragisch, einen Einfluss als potentielles Ausschlusskriterium hat es aber auf die Option, doch noch an einer klinischen Studie teilzunehmen. Nicht weiter relevant, weil ich keiner Re-Bestrahlung zustimmen werde. Wieso die Auswertung trotz stabiler Situation ambivalent ist? Weil meine Blutwerte immer noch schlecht sind. Gerade so gut genug, um einen weiteren Zyklus CCNU zu nehmen, aber versehen mit einem Ablaufdatum dieser Behandlungsmöglichkeit. Mir wurde schon angekündigt, dass das der letzte oder einer der letzten Chemozyklen mit CCNU sein könnte, weil das Knochenmark einfach weiterhin zerschossen würde durch das Medikament und es zwar alternative Chemos gibt, die aber auch nicht besser verträglich sind. Im Hintergrund leuchtet da noch Avastin auf, von dem ich aktuell aber nicht profitieren würde. Das Beste, was wir momentan rausholen können also und für den Moment ist es gut soweit.

Nun passiert es mir regelmäßig, dass wenn ich von all diesen Faktoren spreche, wohl meine Sorge am deutlichsten hängen bleibt bei vielen meiner Lieben. Das ist so, weil ich mich entschieden habe, ein umfassendes Bild dieses Prozesses zu geben, statt mich nur auf die Hoffnung zu fokussieren. Ich glaube, Letzteres ist ein guter Umgang für viele, viele Patient*innen und ihre Angehörigen – für mich passt das nicht so gut und auch nicht, es unkommentiert stehen zu lassen, weil diese ungetrübte Hoffnung den Schmerz der Situation für mich unsichtbar macht und es schwierig ist, mich wieder aus dem Gedanken herauszubekommen, dass meine Art, die Sache zu verarbeiten – mit umfassender Information, ohne das Festhalten an den statistischen Extremwerten – , die für mich hervorragend gut funktioniert, nicht die richtige wäre.

Scheinbar kommen dabei aber mein Frieden und mein Glück mit der stabilen Situation irgendwie zu kurz. Ich mag versuchen, das mehr durchschimmern zu lassen, mir geht es momentan nämlich ganz fabelhaft :)

Für mich war die Möglichkeit, mich selbst zu töten in den unterschiedlichsten Phasen meines Lebens eine reale, mit der ich mich emotional und wissenschaftlich viel auseinandergesetzt habe, die mir wenig Schrecken bereitet und für mich eine Option unter vielen ist, über das eigene Leben und den eigenen Körper selbstbestimmt zu entscheiden.

 

Dass ich gerade sehr glücklich bin, hat auch etwas damit zu tun, dass ich in den letzten Wochen sehr intensiv daran gearbeitet habe, mir eine Alternative zu schaffen. Viele schlaflose Nächte, viel Denken, viel auf meinen Bauch hören, viel Papier zusammentragen und schließlich die Entscheidung treffen, den daraus formulierten Antrag doch abzuschicken und dann mal weiterzusehen, was das Gefühl so sagt. Abgeschickt, gebangt, gewartet und dann die Bestätigung erhalten: Wenn ich das möchte, gibt es die Option vorzeitig auszusteigen, in der Schweiz, mit der Unterstützung einer Organisation, die mir bei den nötigen Schritten dafür helfen könnte und die exorbitant hohen Kosten, die bei einer Suizidbegleitung anfallen, vollständig zu übernehmen. Das hat viel gemacht hier…viel Ruhe, viel positive, überwältigende Erschütterung darüber, wie viel Menschlichkeit und Verständnis mir auf dem Weg bis zur Zusage bereits begegnet ist, für mich ein ganz tiefes Gefühl von Erdung und Gewissheit, dass ich begleitet werden kann bei jedem Weg, den ich am Ende wählen werde. Gar nicht so paradoxerweise hilft diese Zusage mir nämlich gerade auch bei dem Gedanken, jede Entscheidung, die ich treffen werde, tragen zu können, weckt also ein tiefes Vertrauen in mich – darin, die für mich richtige Wahl treffen zu können, es mit besserem Gefühl vielleicht länger hier in Berlin versuchen zu können oder eben auch vorzeitig zu gehen, wenn sich das besser anfühlt. Das lässt sich nicht ohne die Diagnose lesen, die jedenfalls mir das völlige Ausblenden der Krankheit gar nicht erlaubt. Für mich fühlt es sich gut an, das jetzt erstmal als eine Option bekommen zu haben, die ich nutzen kann oder eben auch nicht und Menschen begegnet zu sein, die diesen Wunsch nach einem selbstbestimmten Sterben, ob durch deutsche Palliativmedizin und ein Sterben daheim, im Hospiz oder einem Krankenhaus, ergänzen um die Möglichkeit, es vorher zu beenden erweitern. Das ist tiefer Trost. Das ist Dankbarkeit sondergleichen. Wir werden sehen, was kommt.

Heftige Situation, ohne Zweifel. Jetzt gerade geht es mir sehr gut damit. Ich habe mir Zeit genommen beim Hören auf mein Gefühl, ob ich bereits einen Termin für die Schweiz machen soll oder ob das pures Gift wäre, mir wurde auch sehr davon abgeraten von meinem Umfeld. Ihn doch zu vereinbaren, war meine Entscheidung und eine wohlüberlegte, sie tut mir gerade gut und führt aktuell dazu, dass alles deutlich intensiver wird.

Eine unkonventionelle Herangehensweise, mit Sicherheit, aber eine, die sich jetzt gerade sehr gut anfühlt für mich – auch, weil bei mir im letzten Jahr bereits viel Trauerarbeit geschehen ist, ich auch davor bereits sehr stark mit der Diagnose umgegangen bin und, auch wenn das hier im Blog oft nicht so wirkt, ich mittlerweile und überwiegend meinen Frieden damit geschlossen habe und mich langsam mehr wieder auf das Leuchten in den Augen und das zauberhafte und wichtige in der Welt fokussieren kann.

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Sieben Sachen 07.02.2016

Immer wieder sonntags…bei mir weiterhin unregelmäßig und wie es gerade passt: 7 Bilder oder Beschreibungen von Sachen, für die ich in letzter Zeit meine Hände gebraucht habe. Ob für 5 Minuten oder 5 Stunden ist unwichtig.

Schwierig diesmal, weil ich in den letzten Tagen die meiste Zeit chemobreit im Bett mit meiner Übelkeit und der Fatigue verbracht habe, langsam wird es wieder besser. Vielleicht werde ich in den nächsten Tagen mehr erzählen zum aktuellen Stand.

garderobe

Erneut und erfolgreich nach einem (bereits abgebrochenen, klar) Ast gesucht und die versprochene Waldgarderobe mit meinem Liebsten gebaut.

kanelbullar

Endlich mal wieder kanelbullar, Zimtschnecken, gebacken, nach meinem liebsten Rezept, das Wilderdbeere in einem schwedischen Campingguide fand.

buch3

Geschrieben, etwas. Wenig in letzter Zeit, weil die Ereignisse sich wieder einmal überschlagen.

 

Nicht in Bildern dokumentiert:

Reproarbeit.

Mich in Adobe Premiere gefuchst.