Von Paula lernen

Still ist es geworden hier. Das liegt wesentlich daran, dass mich in den letzten Monaten heftige Stürme erfasst haben: Aufbegehren, sehr viele sehr intensive Momente und Erlebnisse, schwere Fragen.

Mein letztes MRT war unauffällig. Seltsam ist das deshalb, weil CCNU inzwischen so schnell und stark auch auf mein Knochenmark einwirkt, dass meine Blutwerte schneller schlecht werden als früher – das ist oft aber nicht immer so unter dieser Chemo. Momentan habe ich deshalb sehr lange Chemopausen, so lange, dass mein Onkologe nicht wissen kann, ob die einzelnen Tumorzellen, die in meinem Gehirn schwimmen, gerade ruhen oder ob der Stillstand auf CCNU zurückzuführen ist. Einen Tag nach meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag habe ich mich für einen weiteren Zyklus mit dem Medikament entschieden und wieder und in aller Deutlichkeit erfahren, dass ich diese Therapie nicht mehr machen möchte.

Eine schwierige Situation in der mein Onkologe mir jede Wahl lässt, glücklicherweise. Leichter wird es nicht dadurch, dass ich keine richtige Entscheidung treffen kann in diesem Fall oder dass es für genau meinen Krankheitsverlauf keine Studien gibt, die irgendetwas erklären könnten. Mein Körper erholt sich von dem Medikament, Fatigue und andere Nebenwirkungen klingen ab und ich kann nicht anders als die doch längst getroffene Entscheidung gegen die Chemo wieder in Frage zu stellen. Einmal geht es noch, ein zweites auch und die unerfüllte Hoffnung, dass doch alles ein Irrtum war. Ob es einen Effekt hat, die Chemotherapie abzubrechen oder nicht, lässt sich nicht absehen. Lebensqualität vor Lebenszeit, das war von Beginn an überdeutlich. Keine Bestrahlung mehr, kein Wechselstrom, keine Studien. Die Ambivalenzen bleiben und an ihnen hängt mein Termin in der Schweiz. Es geht mir so gut gerade, oft und lange, wieso dann nicht verschieben das Ganze? Weil es Sicherheit gibt und eine Möglichkeit, mit all dem umzugehen. Verschieben auf unbekannte Zeit, nicht endgültig auflösen, das ist schwierig.

Also warte ich damit und lebe erst einmal. Im Juli wird das nächste MRT kommen, ich kann gar nichts Anderes machen als mich von diesen Dreimonatseinheiten zur nächsten zu tragen. Ich habe geträumt: Der Mann und ich waren dort, in einem fürchterlichen Gebäude, das an jenes der Dignitas in Zürich erinnert, Beklemmung. Ich habe E. gesehen, die Ärztin mit der ich im Kontakt stehe und sie hat uns weggeschickt nicht in einem Akt der Ablehnung, sondern mit der Klarheit, dass jetzt noch nicht die Zeit ist. Ich muss noch keine Entscheidung treffen, also versuche ich, die Abwägungen zu unterbrechen durch: Leben. Es ist kaum auszuhalten, aber auch dieses wird vergehen und ich vertraue auf mich und die Momente, in denen ich mich immer wieder als vollkommen gefasst und in Frieden mit einer Entscheidung erlebe.

Ich weiß nicht, was da kommen mag und halte es bis ich es weiß mit der Legende von Paul und Paula: Wir wollen Folgendes machen – Wir lassen es dauern solange es dauert, wir tun nichts dagegen und nicht dafür, wir fragen uns nicht allerlei unnötiges Zeug. Und bis es soweit ist wird mit den Wölfen gerannt. Ich lebe noch und ich lebe viel.

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Von Paula lernen