In alten Wunden rühren

Wenn ich mich recht erinnere, habe ich an dieser Stelle noch nie das Gedicht von Benn zitiert, das mich immer wieder einholt. Das gilt es nachzuholen:

Mutter

Ich trage dich wie eine Wunde
auf meiner Stirn, die sich nicht schließt.
Sie schmerzt nicht immer. Und es fließt
das Herz sich nicht draus tot.
Nur manchmal bin ich blind und spüre
Blut im Munde

Das fügt sich ohne Bruchstellen in meine familiäre Situation ein. Erinnert wurde ich daran aber diesmal eher durch Gefühle der tiefen Stille. Es ist kein Toben in diesen Tagen, nur tiefe Ruhe und intensive Abwägungen, die lang bekannten: Ob ich mir selbst den Therapieabbruch erlauben kann, den ich mir wünsche, was werden soll aus meinem näher rückenden Termin in der Schweiz und wie es aussehen soll, dieses Leben. Eine Wunde auf meiner Stirn, die sich nicht schließt. Sie schmerzt nicht immer und es fließt das Herz sich nicht draus tot, nur manchmal bin ich blind und spüre Blut in meinem Mund.

In etwa zwei Wochen wird das nächste MRT gemacht werden, einige Tage später werde ich das Ergebnis erfahren. Ich bin nicht nervös diesmal, reiner Selbstschutz. Es wird gehen, alles, irgendwie und ich habe ein schwer zu erschütterndes Vertrauen in mich, das mag vielleicht eines der schönsten Dinge sein, die ich auf diesem Weg mitnehmen durfte.

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