Gewitter im Hirn

Das sind sie wieder, die Fenster, die sich nur kippen lassen. Der Hagebuttentee.

Im Zimmer neben mir schreit ein alter Mann. Das geht die ganze Nacht durch, er weiß nicht, wo er ist und wieso er hier ist, die Erklärung vergisst er nach kurzer Zeit. Mein letzter Besuch in der Stroke Unit ist zweieinhalb Jahre her.

Sieben Stunden haben wir in der Notaufnahme gewartet um in diesem Krankenhausbett zu kommen.

Als ich am Montag immer stiller wurde und mich aus dem Gespräch gezogen hatte, hoffte ein Teil in mir, dass ich nur überlastet und müde war von den letzten Wochen. Als es immer schwieriger wurde, die Wörter zu finden, ich sie verwechselt und Stück für Stück mehr vergessen habe bis ich schließlich nicht mehr formulieren konnte, dass etwas nicht stimmte und die Worten ihre Bedeutung verlieren wurde meine rechte Hand fühllos. Es verschwand. Die Panik kam und verging, die Taubheitsgefühle auch. Dann wurde meine rechte Gesichtshälfte taub, wie nach einer Narkose bei der Zahnärztin. Es verging. Der Mann packt mich mit Dunkelheit und einer Serie ins Bett, die Erinnerung verblasst, am nächsten Morgen erwache ich ohne Auffälligkeiten.

Der Tag bleibt unauffällig, am Mittwoch bespreche ich die Situation, die sich allmählich ins Fleisch frisst, mit meiner Ergotherapeutin, die skeptisch wird. Sie wird zum Spiegel meiner Angst, später am Nachmittag rufe ich in der Onkologie an, Notaufnahme, neurologische Tests, CT, alles unauffällig. Über Nacht bleibe ich dort. EEG, das den Verdacht eines kleinen epileptischen Anfalls bestätigt. Die Ärztin im EEG verzichtet auf eine Stimulation durch das Lichtflackern, um keinen neuen Anfall zu provozieren. Ich werde entlassen mit der dringenden Bitte, im MRT prüfen zu lassen, ob der Anfall wirklich nur durch die Narben in meinem operierten und bestrahlten Gehirn initiiert wurde oder doch durch ein Rezidiv. In zwei Wochen weiß ich mehr.

Bis dahin habe ich Zeit, mich damit anzufreunden, doch wieder Medikamente zu nehmen, eines, das auch Depressionen und in selteneren Fällen auch Suizidgedanken und noch seltener auch Suizide hervorrufen kann. Eines, das in manchen Fällen zu mehr Aggressivität, Unruhe, negativem Denken führt, schnippischer werden lassen kann. Wir werden sehen, ob ich das Medikament ausschleichen und ersetzen kann, um meine bestehenden rezidivierenden Depressionen nicht noch zu verstärken.

Skurrile Zeiten. Ich muss meine Psyche zusammenhalten. Krebs hat mich gelehrt, wenig für verlässlich zu halten, ob ich den Boden unter den Füßen verliere oder positiv überrascht werde. Es wird schon gehen.

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Ein Gedanke zu “Gewitter im Hirn

  1. marga8019 schreibt:

    Liebe Johanna,
    Ich möcht Dir kurz von meinen Erfahrungen berichten, vielleicht beruhigt Dich das ein ganz kleines bißchen.
    Mein Vater hatte ein Glioblastom. Die epileptischen Anfälle waren bei ihm nicht parallel zum Tumorwachstum. Und wenn die MRTs auffällig waren, waren es immer auch die vorangegangenen CTs.
    Ich weiß wie sehr man im Ungewissen zittert und wie beängstigend es sein muss nach ruhigen Zeiten sich wieder im Krankenhaus zu finden. Deshalb denke ich an Dich, drücke Dir die Daumen und hoffe mit Dir auf eine Bestätigung des unauffälligen Ergebnisses.
    Liebe Grüße,
    Anna

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