Vom Vorwärtsgehen und Innehalten

Der Gedanke, Dinge tun zu müssen, steckt ziemlich tief in mir. Das ist nicht immer sinnvoll und wird oft genug von Prokrastination blockiert, er führt aber vor allem dazu, dass ich mir tausend Projekte vornehme und mich bei der Umsetzung auch nur eines einzigen davon lähme. Neulich sagte ein Freund zu mir, ein Schmunzeln auf den Lippen, „Komm, gib’ Dir mehr Zeit. Du hattest vor kaum zwei Wochen eine OP an Deinem Gehirn, das darf jetzt schon mal etwas dauern bis alles wieder wird wie früher.“

Recht hatte er. Aber die Anspannung blieb und die Wut auf mich und die Zeit, die ich verschwendet habe als ich dachte, das könnte einfach ewig so weitergehen auch. Also habe ich angefangen, täglich zu testen, ob mein Sichtfeld wieder besser geworden ist. Oder ob ich wieder besser lesen kann. Oft ohne Erfolg, manchmal mit kleinem. So wie heute, als ich endlich wieder einen Blogartikel lesen konnte, sogar einigermaßen meine handschriftlichen Notizen und wenigstens zwölf Zeilen an meinem Paper schreiben konnte. Glücksgefühle darüber und gleichzeitig Angst. Dass das ein Leuchten sein könnte bevor es wieder schlechter wird. Dass diese giftige Mischung aus Langeweile und Frustration über die Möglichkeiten, die mir nicht mehr oder schwerer zugänglich sind, das ist, was bleiben wird. Ob ich es schaffen werde, dieses Paper abzugeben? Oder mal wieder einen Roman zu lesen? Oder zu reisen, allein und ohne Angst?

Im besten Fall war das eine wirklich tiefe Lektion. Im besten Fall übersteh’ ich die Therapien gut, kann mich erholen und mein Gehirn wieder in seinen alten Zustand bringen und habe für eine ganze Weile Ruhe vor dem Krebs. Im besten Fall ist das ein einprägsames Carpe Diem gewesen, das mich näher an meine Freund*innen und Beziehungen gefunden hat und dazu führt, dass ich meine Projekte besser realisieren kann ohne mir dabei so viel Zeit wie bisher zu rauben, die für das Leben gedacht sein sollte statt für Arbeit und Zweifel. Zeit zum Schreiben, Lachen, Erleben. Weit entfernt von einem neoliberalen Wachstums- und Selbstoptimierungszwang. Ausruhen. Die Krankheit erlauben und die Pause, die sie einfordert.

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Apotheken und Apathie

Meine Finger streichen immer wieder über die fünf Medikamentenpackungen, die ich abgeholt haben. Ich ertappe mich dabei, wie Finger und Blick immer wieder zu diesem einen Röhrchen zurückkehren:

Diese Kapseln mit denen sie mich stark vergiften werden. Gefasst in ein braunes Röhrchen, wie ich es nur aus den nordamerikanischen Filmen kenne. Würde ich wirklich in den USA leben, würde ich diese Kapseln wohl nicht bezahlt bekommen, Unerhörtes über Patentpolitik ausgeblendet, Privilegien, zwanzig Stück, ein vierstelliger Betrag. „Tja, erbrechen sollen Sie die nicht. Aber übel wird Ihnen werden, im Gehirn gibt es tatsächlich so etwas wie ein Brechzentrum. Also verschreibe ich Ihnen noch etwas [Tabletten wohlgemerkt, die meine Hausärztin als problematisch in der Zulassung beschrieben hat], prophylaktisch“ , erklärt mir mein männlicher Onkologe fast glucksend. Tabletten bei denen die Apothekerin nicht mehr versucht, noch ein seltsam riechendes Pröbchen einer Tagescreme oder eine Packung Taschentücher mit in die Tüte zu legen.

Ich kann nicht aufhören, dieses Röhrchen immer wieder anzusehen. Was soll ich tun an meinem letzten Tag für viele Monate an denen es mir gut gehen wird? Wann habe ich eigentlich gesagt, dass ich diese Therapie will? Schlafen. Nur schlafen. Es geschieht alles sehr schnell. Kein Gefühl der Fremdbestimmung, keine Überforderung, aber dieses lobotomisierte Folgen aller Anweisungen ohne Gegenwehr. Es ist mir so gleichgültig, beendet eure panische Eile, dieses Versprechen, dass der Tumor nicht wächst oder wiederkommt, kann nicht gegeben werden.

Ich habe sie gefragt, mit klarer Stimme und ohne Angst. Wenn er wiederkommt, und wir alle wissen, dass das wahrscheinlich ist, wird immer dieselbe Stelle betroffen sein in meinem Gehirn oder kann er übergehen auf andere Bereiche? Wird sich meine Lebenserwartung verkürzen? Und dann diese Antwort: Nein, es kann sein, dass er an andere Zellen streut. Und: Auch wenn Sie beste Voraussetzungen für die Behandlung jetzt haben, können wir nicht sagen, ob er wiederkommt und wann, ja, er kann die Dauer verkürzen, alles was bleibt, ist, das engmaschig zu überwachen, schnell zu handeln, wenn er zurückkehrt und einen Umgang damit zu finden, dass das jetzt meine Situation ist mit all ihren Ungewissheiten.

Leises, wissendes Kassandranicken, kaum Gefühle. Betäubung, Schreie, Tränen wann immer mir eine neue Situation begegnet in der mir der Verlust meiner Autonomie bewusst wird, klares Abwägen, viel Zynismus, wenig mehr. Unter dem Pflaster, ja da liegt der Strand. Wer werde ich sein, wenn das alles vorbei ist?

ages of delirium

Eigentlich wollte ich schreiben über Bücher, Politik, den Norden und Geschaffenes. Es ist zusammengebrochen, unerwartet und mit ganz süßer Schwere. Stigma, wieder.

Keine zwei Wochen hat es gedauert seit dem einen Abend an dem alles dunkel wurde. Erbrechen, Kopfschmerz, weitreichender Verlust vom Lesevermögen.

Kein allererster Ausbruch von Migräne wie gedacht, sondern ein Hirntumor. Aggressiv und klebrig warm, vollkommen surreal.

Das: Es gibt keine Garantie, dass er eines Tages nie wiederkommen wird. Sieg oder verlorene Kämpfe, diese Kategorien sind vollkommen außer kraft gesetzt worden.

Die Ungewissheit, ob ich meine Wissenschaft, meine Bücher und meine Politik für immer verloren haben werde, welche kognitiven Schäden die Strahlen- und Chemotherapie lassen werden und inwieweit mein Gehirn sie ausgleichen kann.

Ein ganzer Koffer voller Pläne, die ich mit aus Norwegen gebracht habe, und die einfach unangetastet auf einem Dachboden verstauben müssen.

Und ich denke nur an Disability, die Worte, die ich nicht mehr lesen kann, meine verlorenen Träume und bin unfähig, irgendetwas davon zu realisieren. Keine Tränen, wenige Gefühle, keine Angst, keine vertraute Depressionsreaktion, keine Überforderung, nur atmen. Den ganzen Tag erschöpft und erstarrt im Bett liegen und atmen. Schreiben rettet.