Gerade bin ich wieder sehr Ökomädchen. Ich recherchiere, plane und freu mich wie benommen darüber, dass meine Sprossen immer weiter wachsen und es Kleie, Linsen und Zuckerrübensirup in meiner WG gibt. Und ich freu mich noch mehr auf das erste richtige Licht in Berlin und die fest geplanten Obst-, Rucola- und Wildkräutersammelnachmittage mit Freund*innen. Falls ihr die Seite noch nicht kennt: mundraub.org hilft euch, in eurer Stadt nach frei verfügbaren essbaren Pflanzen zu suchen. Mich macht der Gedanke ans Einkochen, Gärtnern und an verschlafenen Sonntagen über Flohmärkte mit alten tollen Teekannen, antiautoritären Erziehungsratgebern und queeren Aufnähern ganz wuselig und hoffnungsvoll.

Mir ist vollkommen verständlich, weshalb Frau Liebe sich derart über einen Haufen Würmer in Kuhscheiße freuen konnte. Die Gedanken drehen sich jedenfalls immer wieder um bewussteren Konsum, darum, mehr selbstzumachen, mehr zu reparieren und darum, Fähigkeiten zu entwickeln und Menschen zu finden, die das ähnlich handhaben und mit politischer Aktion und linksradikalem Denken verbinden.

 

öko

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Vom Vorwärtsgehen und Innehalten

Der Gedanke, Dinge tun zu müssen, steckt ziemlich tief in mir. Das ist nicht immer sinnvoll und wird oft genug von Prokrastination blockiert, er führt aber vor allem dazu, dass ich mir tausend Projekte vornehme und mich bei der Umsetzung auch nur eines einzigen davon lähme. Neulich sagte ein Freund zu mir, ein Schmunzeln auf den Lippen, „Komm, gib’ Dir mehr Zeit. Du hattest vor kaum zwei Wochen eine OP an Deinem Gehirn, das darf jetzt schon mal etwas dauern bis alles wieder wird wie früher.“

Recht hatte er. Aber die Anspannung blieb und die Wut auf mich und die Zeit, die ich verschwendet habe als ich dachte, das könnte einfach ewig so weitergehen auch. Also habe ich angefangen, täglich zu testen, ob mein Sichtfeld wieder besser geworden ist. Oder ob ich wieder besser lesen kann. Oft ohne Erfolg, manchmal mit kleinem. So wie heute, als ich endlich wieder einen Blogartikel lesen konnte, sogar einigermaßen meine handschriftlichen Notizen und wenigstens zwölf Zeilen an meinem Paper schreiben konnte. Glücksgefühle darüber und gleichzeitig Angst. Dass das ein Leuchten sein könnte bevor es wieder schlechter wird. Dass diese giftige Mischung aus Langeweile und Frustration über die Möglichkeiten, die mir nicht mehr oder schwerer zugänglich sind, das ist, was bleiben wird. Ob ich es schaffen werde, dieses Paper abzugeben? Oder mal wieder einen Roman zu lesen? Oder zu reisen, allein und ohne Angst?

Im besten Fall war das eine wirklich tiefe Lektion. Im besten Fall übersteh’ ich die Therapien gut, kann mich erholen und mein Gehirn wieder in seinen alten Zustand bringen und habe für eine ganze Weile Ruhe vor dem Krebs. Im besten Fall ist das ein einprägsames Carpe Diem gewesen, das mich näher an meine Freund*innen und Beziehungen gefunden hat und dazu führt, dass ich meine Projekte besser realisieren kann ohne mir dabei so viel Zeit wie bisher zu rauben, die für das Leben gedacht sein sollte statt für Arbeit und Zweifel. Zeit zum Schreiben, Lachen, Erleben. Weit entfernt von einem neoliberalen Wachstums- und Selbstoptimierungszwang. Ausruhen. Die Krankheit erlauben und die Pause, die sie einfordert.

Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.

Ich höre mich immer noch mit leisem Lächeln sagen: „Immerhin keine Migräne. Den Tumor können wir jetzt entfernen lassen und dann ist es vorbei, aber jeden Tag Angst vor Schmerzen haben, das würde ich nicht schaffen.“

Das war bevor ich wieder damit begonnen habe, Fenster mit einem sekundenlangen Blick darauf zu prüfen, ob sie gesichert sind und bevor sie mir mitgeteilt haben, dass es kein Tumor Typ 1 sei (also das, was in den Medien als „gutartiger“ bezeichnet wird und damit gleich wieder auf christliche Schuldkategorien zurückgreift) , dass er immer wiederkommen kann und die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass das auch geschieht und dass er auch andere Stellen meines Gehirns angreifen könnte. „BÄM“ ist ein bisschen 2000er, oder?

Bisher erlebe ich die Chemo- und Strahlentherapie als weniger schlimm als befürchtet, es bleibt eine tiefe, atemlose Angst. Vor dem Haarausfall. Davor, wieder diese Übelkeit zu erleben für die nächsten Monate oder die Kopfschmerzen. Eine diffuse Angst um die gesunden Zellen, die durch die Bestrahlung vernichtet werden. Das Surreale, das einer systematischen Vergiftung anhaftet. Der schmale Grat zwischen Verarbeitung und Weitermachen, ob im eigenen Leben, in meinen zwischenmenschlichen Beziehungen oder im Blog.

Ich freu mich so, so sehr auf unbeschwertere Zeiten. Mit Freund*innen am Fjord sitzen und Rosenlimonade trinken. Tanzen gehen ohne Angst wegen der Sichtfeldeinschränkungen die Menschen neben mir nicht zeitig genug sehen zu können um ihnen auszuweichen, tanzen mit halbgeschlossenen Augen und als würde mich keine* sehen. Auf Politik, wieder kochen können, Reisen, lesen, nähen und meine nicht mononormative, nichtstaatliche, nichtkirchliche Hochzeit im nächsten Jahr. Beckett. Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.