Derailing für Anfänger

Vor einer Weile bin ich auf diesen Artikel gestoßen, der mir noch sehr lange im Gedächtnis blieb und auf den ich seitdem immer wieder verweise, also auch hier:
Eine unbequeme Konfrontation mit gebräuchlichen Derailing-Strategien. Lesenswert!

Derailing für Anfänger

Derailment: englisch „Entgleisen“; eine Diskussion über ein Thema in eine Diskussion über ein anderes Thema umlenken/ablenken.

Eine einfache Schritt-für-Schritt Anleitung, peinliche Konversationen durch verwerfen und trivialisieren der Perspektive und Erfahrung des Gegenübers zu derailen

Ein paar Anwendungsbeispiele:

“Sexismus”, “Sexarbeiterinnenfeindlichkeit”, “Rassismus”, “Transphobie”, “Klassismus”, “Homophobie”, “Behindertenfeindlichkeit” “Kinkphobie”, “Dickenfeindlichkeit”

Garantiert: Du kannst jeden marginalisieren!

Macht Diskriminierung leichter!


Du kennst das ja. Man amüsiert sich irgendwo, entspannt in der Kneipe oder in der Bibliothek, ist in der Schule oder im Internet und unterhält sich. Thema ist ein aktuelles Problem, das wahrscheinlich irgendwas mit einer Gruppe von Menschen außerhalb deines Erfahrungsbereichs und deiner Identität zu tun hat. Wahrscheinlich werden die ziemlich stark diskriminiert – oder behaupten das.

Die Sache ist die: Du hast gerade eine gute Zeit, teilst dein Wissen über diese Menschen und ihre Probleme. Dieses Wissen ist unbestreitbar – es wird gestützt von Medien, Büchern, Forschung und vielen, vielen historischen Ereignissen, und außerdem…

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Derailing für Anfänger

Queering the Canon?

Ganz früh in meiner Schulzeit hatte ich oft fantastische, kritische Deutschlehrer*innen, die mich nicht nur sehr geprägt haben, sondern auch die Fähigkeit besaßen, mich für die Literatur zu begeistern, die in ihren Lehrplänen vorgesehen waren. Auf sehr moderne Literatur konnte ich mich erst ziemlich spät einlassen, aber wenn es um sogenannte klassische Werke ging, war ich immer schnell davon zu begeistern. Mich fasziniert, wie sehr Bücher eine Zeit beeinflussen können und wie viel sie mit Menschen machen können.
Das ist nach wie vor so. Nur ist mein Verhältnis zu dem, was als Weltliteratur oder auch wissenschaftlicher Kanon gilt, mittlerweile sehr viel angespannter.

Wer erstellt einen Literatur- und/oder Bildungskanon aus welchen Gründen mit welchen Privilegien? Welche hegemonialen Machtverhältnisse und Diskriminierungsformen wirken dabei? Was wird aus welchen Gründen nicht in einem Kanon aufgenommen?

Aktuell arbeite ich daran, einen queerfeministischen Lesekreis aufzubauen und stehe wieder vor einer Kanonproblematik.

Gemeinsam mit anderen möchte ich Texte neu- und wiederlesen, die uns verändert haben oder verändern können. Texte, auf die immer wieder Bezug genommen wird im akademischen Diskurs, wenn es um Gender oder Queer Studies geht. Die Ausrichtung wird also eindeutig wieder akademisch sein und nur gelegentlich aufgebrochen werden durch beispielsweise Kapitel aus Graphic Novels. Das soll eine ansprechende Mischung werden aus zentralen Artikeln und unbekannteren Beiträgen, gemeinsam erschlossen mit reflektiertem Redeverhalten und einer aktiven Vermeidung von Wissenshierarchien, die demonstriert werden.

Aber wie kann ich eine Auswahl treffen und dabei Ausschlüsse reflektieren?

Welche Texte sind das für euch von denen ihr immer wieder hört und die ihr als kanonisiert empfindet? Welche zentralen Texte gehen dabei immer wieder unter? Wie kann ich verhindern, dass der Raum, den ich schaffen will, nur auf dem Papier Trans*-/Inter/A-offen ist oder dass die Veranstaltung wieder eine sehr weiß* geprägte wird in der wir, wahrscheinlich alle aus einem akademischen Hintergrund kommend, über Black Feminism diskutieren?

Funktioniert queering als politische Praxis bei so einer Literaturauswahl ausschließlich darüber, dass beispielsweise dem zum Erbrechen weißen*, euro-, andro- und anthropozentrischem (das ist dann wohl das, was viele unter dem Begriff humanistisch verstehen), bildungsbürgerlichen, erstaunlich unkritisch gelassenem Kanon der Philosopie queerfeministische Texte entgegengesetzt werden? Den bestehenden Kanon gründlich, aber kritisch lesen, demaskieren und ihn erweitern?

Queering the Canon?

Codes am Spielplatz

Vieles von dem, was aufZehenspitzen schreibt, gefällt mir – allem voran ihre Hinweise auf Klassismus. Hier ist einer davon.

aufZehenspitzen

Pinke Kinderkleidung ist so eine Sache – ihre Abwertung auch (siehe Pink stinkt nicht, ihr Lauchs! und Das Pinkprivileg). Pinkstinks (TM) und je billiger desto rosa – daraus resultieren gleich zwei Problematiken: Ich sehe am Spielplatz im gentrifizierten Stadtteil, wie Eltern anerkennend bemerken, wenn ein Bub rosa Kleidung oder violette Schuhe trägt. Das wird ebenso wohlwollend hervorgestrichen wie besprochen wie die waghalsigen Kletterkünste des Mädchens. Ich sehe aber auch die abschätzigen Blicke, wenn ein Mädchen mit rosa Flausch eingehüllt ist. Cool, weil gendersensibel-offen-tolerant, ist ersteres – ein Etikett, mit dem sich gehobene Mittelstandseltern gerne schmücken. Das andere? Es werden maximal Augenbrauen gehoben: Abeiter_innenklassenkind eben. Die eigene Engstirnigkeit, die klassistische und anti-feministische Haltung, die dadurch zum Ausdruck gebracht wird, verhallt unreflektiert. Sagenhaft eigentlich, was von einer vermeintlich kritischen Position übrigbleibt. Leidtragende sind Mädchen, die gerne rosa tragen, und Mädchen, die vielleicht nicht so gerne rosa tragen, aber deren Eltern beim…

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Codes am Spielplatz

Haarausfall|Dreads|cultural appropriation

Ein Beitrag, der in Aufreibung geschrieben ist, nur andeutet und Schlagwörter gibt. Einer, der nach Hilfe fragt und bloß nicht nach Aufmunterung der Art „Frauen mit Glatzen sind auch toll!“ oder „Mach Dir nicht so viele Gedanken, wächst doch nach!“ [Was zum…?]

In den letzten Tagen kam er, der erwartete Haarausfall. In lähmender Heftigkeit und betäubend. Zu meinen Haaren gibt es viele Geschichten der Stigmatisierung zu erzählen, die längst keine* mehr interessieren – aber meine Erfahrungen mit menschlicher Grausamkeit, wenn Schönheitsidealen nicht entsprochen werden kann, mit kahlen Stellen und um die Verbindung von Weiblichkeit und Haar sind plötzlich wieder präsent geworden als ich zwei überquillende Hände eben dieser Haare vor meine Brust hielt, tief in mich zurückgezogen und wissend um die Grenze, die dabei berührt wurde.

Trichotillomanie, eine Zwangskrankheit, die sich im Ausreißen von Haaren äußert und die mich elf Jahre lang begleitet hat, diese eine der überwundenen Krankheiten aus früheren Jahren, ist eine blasse Erinnerung gewesen, die wieder ins Gedächtnis gerufen wurde. Für mich sind Dreads trotz ihrer (für mich) Schönheit auf weißen Köpfen politisch hochproblematisch – das schlichtweg als Unsinn zu verwerfen ohne genauer zu reflektieren, kann kaum eine Lösung sein. Falls ihr euch darunter so gar nichts vorstellen könnt, empfehle ich diesen Artikel auf der Mädchenmannschaft zu schwarzen Widerstandssymbolen auf weißen Köpfen, die Kommentare zu lesen lohnt hier in jedem Fall.

Ich frage mich dennoch, ob die Möglichkeit, diese Haare, die ich durch die Bestrahlung verloren habe, einer lieben Vertrauten als Verlängerung ihrer Dreads nun für mich selbst zu rechtfertigen sein kann, als Geste der Verbundenheit, als Heilung und als Bewältigung des Verlusts eines Merkmals, das mir mehr bedeutet als Schönheit, nämlich: Überwindung der vergessenen Krankheit. Damit wäre ich Teil einer Bewegung, die ich reflektieren möchte. Aber diese Haare könnten Fortbestehen, wären nicht spurlos verloren, sondern Teil einer Geschichte, den ich nur an Nahestehende weiterreichen möchte, nicht an mir Unbekannte, auf deren Köpfen die Dreads angemessener wären. Konflikte, Ambivalenzen, Grenzziehungen beim Thema kultureller Aneignung.

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Ich will sie nicht einfach in den Müll werfen oder in die Erde geben. Vom Gedanken an den Geruch verbrannter Haare ganz zu schweigen. Und ich werde mir ganz sicher nichts daraus stricken ;) Würde ich sie als z.B. Armband flechten und als Erinnerung an die Krankheit aufbewahren, würde das [bei mir] die Trichotillomanie weiter triggern, ich kann sie nicht verlieren und nicht vor Augen haben, wahrscheinlich auch nicht geknüpft in einem Kistchen, wobei das eine der Lösungen ist, die mir gerade notgedrungen am überzeugendsten erscheint – und schmerzt.

Was tun? Was, wenn Fotos vom Unheil nicht genügen zur Heilung? An dieser Stelle geht es nicht so sehr darum, wie der Ansatz kultureller Aneignung bewertet werden soll, sondern um Ratsuche zum Umgang mit der Situation, der nicht frei sein kann von meinen politischen Überzeugngen. Ich will keine Legitimation für diese mögliche Entscheidung, für mich ist kulturelle Aneignung keinesfalls zweifelsfrei eindeutig besetzt, sondern relevant und unbedingt zu diskutieren. Heißt das für mich, dass die Option, die Haare zu verhäkeln wegfällt oder nicht? Welche alternativen Rituale zum Umgang mit diesem Schlag ins Gesicht, so angekündigt er auch gewesen sein mag, könnte es geben, habt ihr Ideen? Kackscheisze?

Haarausfall|Dreads|cultural appropriation

Gerade bin ich wieder sehr Ökomädchen. Ich recherchiere, plane und freu mich wie benommen darüber, dass meine Sprossen immer weiter wachsen und es Kleie, Linsen und Zuckerrübensirup in meiner WG gibt. Und ich freu mich noch mehr auf das erste richtige Licht in Berlin und die fest geplanten Obst-, Rucola- und Wildkräutersammelnachmittage mit Freund*innen. Falls ihr die Seite noch nicht kennt: mundraub.org hilft euch, in eurer Stadt nach frei verfügbaren essbaren Pflanzen zu suchen. Mich macht der Gedanke ans Einkochen, Gärtnern und an verschlafenen Sonntagen über Flohmärkte mit alten tollen Teekannen, antiautoritären Erziehungsratgebern und queeren Aufnähern ganz wuselig und hoffnungsvoll.

Mir ist vollkommen verständlich, weshalb Frau Liebe sich derart über einen Haufen Würmer in Kuhscheiße freuen konnte. Die Gedanken drehen sich jedenfalls immer wieder um bewussteren Konsum, darum, mehr selbstzumachen, mehr zu reparieren und darum, Fähigkeiten zu entwickeln und Menschen zu finden, die das ähnlich handhaben und mit politischer Aktion und linksradikalem Denken verbinden.

 

öko

I want to start a zine!

Zines sind für mich ein wunderbarer Weg, andere Menschen direkt, kreativ und wenig abschreckend politisch zu erreichen. Und weil ich gerade dabei bin, eines zu planen und etwas sehnsüchtig an Zinefestivals denke, möchte ich euch eine Anleitung dafür da lassen :)

The Radical Uprise gibt euch hier Tipps zur Gestaltung eines Zines. Mag ich, sehr.

Macht ihr mit? Gab es eins, das euch besonders im Gedächtnis geblieben ist? Weshalb?

 

I want to start a zine!