Polymorph pervers: BDSM und Technik. Ein Interview.

Vor einigen Monaten hat mich eine liebe Freundin gefragt, ob ich mir vorstellen könne, für ihr Uniradio unter dem Pseudonym Mona ein Interview zum Thema BDSM und Technik zu geben. Das hat mir gefallen, also haben wir uns zusammengesetzt. Hier ist das Ergebnis in verschriftlicher Form.

 

F.: Kannst Du kurz erzählen, wer Du bist?

zimtkopfliest: Hej, ich bin Mona, und studiere an der sogenannten Freien Universität in Berlin. Ich positioniere mich als queer, disableisiert und komme aus der weißen* Mittelschicht. Gerade bin ich hochschulpolitisch aktiv und beschäftige mich mit Queerfeminismus, den Critical Human_Animal Studies und der Frage, wie BDSM herrschaftskritisch und emanzipatorisch funktionieren kann. Zum SM bin ich irgendwann in meiner Jugend gekommen, gerade lebe ich polyamor in zwei Beziehungen in denen das Thema auch eine Rolle spielt.

F.: Für viele ist BDSM lediglich eine Anreihung von Buchstaben. Womöglich assoziiert man damit sofort dunkle Keller, Lack, Peitschenhiebe und vor allem extreme Persönlichkeiten. Doch wofür stehen die Buchstaben eigentlich? Wie lange gibt es die damit verbundenen Praktiken schon?

Welchen Menschen begegnet man tatsächlich in der Szene?

zimtkopfliest: BDSM ist eine Abkürzung und steht für Bondage, also Körperfesselungen mit verschiedenen Materialien, Dominanz, Submission, also Unterwerfung, Sadismus und Masochismus. Für mich ist BDSM eine Möglichkeit, Grenzen zu verschieben und zu hinterfragen. Für mich und meine Beziehungen meint das auch, Kritik zu üben am Begriff von Krankheit, Perversion und Macht und einen ganz experimentellen, ernsten, spielerischen Umgang mit Unterwerfung zu entwickeln, in dem Konsens unbedingt notwendig ist.

Darstellungen von BDSM gibt es schon in einigen der ältesten Keilschriften, SM ist also nicht unbedingt ein modernes Phänomen.

Es gibt (jedenfalls in Berlin) nicht die eine SM-Szene, sondern ein recht großes, heterogenes Spektrum an Menschen, die sich in verschiedenen Szenen bewegen, also mehr Kontakt haben zu Bondage, zu queerem SM oder sehr harten Spielarten und unzählige Menschen, die sich vielleicht nicht als SMlr*innen bezeichnen würden, aber doch irgendwie als kinky.

F.: In Deutschland wird Sadomasochismus als psychische Störung der Sexualpräferenz katalogisiert. Wie reagiert die Szene darauf?

zimtkopfliest: Meiner Erfahrung nach wird dieser Einordnung vor allem begegnet, indem SMler*innen sich genau die Begriffe aneignen für die sie verurteilt werden, sich selbst also zum Beispiel als pervers bezeichnen oder auch mal Rollen überspitzt und selbstironisch dargestellt werden. Aber, ja, auch innerhalb der Szene gibt es immer wieder Abwertungen, das betrifft dann oft gefährlichere Spielarten oder die, die irgendwelche Tabus berühren und dann als unverantwortich oder zu heftig verurteilt und/oder pathologisiert werden auch wenn sie konsensual praktiziert werden.

F.: Gibt es Techniken, die man erlernen muss, bevor man überhaupt BDSM ausüben kann? Ab wann wird man in der Szene „ernst genommen“?

zimtkopfliest: Wenn Du mit Technik meinst, zum Beispiel Spielzeug zu benutzen oder Methoden anzuwenden, denke ich schon, dass Du Dich zumindest über die Risiken informieren solltest, die das haben kann, und auch einen Notfallplan im Kopf haben solltest. Aber ich halte wenig davon, Wissenshierarchien aufzubauen oder auf Partys Menschen zu verurteilen, die SM gerade erst für sich entdecken – für mich selbst braucht es Gegenentwürfe dazu, also Räume in denen Menschen neugierig sein und lernen dürfen. Viel wichtiger als zehn Jahre SM-Erfahrung ist für mich, dass meine Spielpartner*innen bereit sind, sich zu informieren, um mir keinen ungewollten psychischen oder physischen Schaden zuzufügen, dass Neues vorsichtig ausprobiert wird und von anderen Kritik erfahren darf. Das wird bei gefährlicheren Spielarten wie fortgeschrittenem Bondage, Klinikspielen oder sehr hartem SM natürlich noch mal wichtiger.

F.: Wie schätzt Du die Relevanz von Technik (im Sinne von menschlich hergestellten Objekten) für BDSM ein? Geht es auch ohne?

zimtkopfliest: Noch wichtiger als diese Interpretation von Technik ist für mich zwischenmenschliche Technik, also Konsens, offene Kommunikation, die nicht durch vorhandene Rollen in der Spielbeziehung blockiert wird und eine Reflektion meiner Sexualität und Bedürfnisse. Dabei muss ich ja den Spaß nicht verlieren. In dem Sinn würde ich schon sagen, dass es ohne Technik nicht geht. Aber das kann auch ganz entspannt und teilweise intuitiv angeeignet werden und sollte überhaupt nicht abschreckend wirken.

F.: Unser Beitrag untersucht das Verhältnis von Sexualität & Technik in Bezug auf vier Schlagwörter: Erfüllung, Erweiterung, Entfremdung, Ersatz. Was bedeuten diese Begriffe für dich und deine Sexualität?

zimtkopfliest: Erfüllung meint für mich, wenn diese zwischenmenschlichen Techniken von denen ich gerade gesprochen haben für mich stimmig genutzt werden und ich darin einen sicheren Raum finden kann, in dem ich gemeinsam mit meinen Partner*innen experimentieren und mich intensiver fühlen kann.

BDSM erweitert meine Sexualität enorm, in dem ich mich sehr viel intensiver mit meinen Bedürfnissen, Grenzen und Möglichkeiten auseinandersetze als ich das in meinen NichtSM-beziehungen gemacht habe.

Entfremdung finde ich ein unglaublich spannendes Thema. Ich habe mich neulich mit einer meiner Beziehungen gefragt, ob die aktuelle Entwicklung der SM-Szene, dass BDSM nicht nur durch 50 Shades of Grey immer populärer oder langsam enttabuisiert wird oder vielleicht extremere Formen annimmt, auch ein Zeichen von marxistischer Entfremdung und Verdinglichung einer Gesellschaft ist. Und ich fänd’s interessant, von Sexarbeiter_innen zu erfahrnen, ob sie sich in ihrer Lohnarbeit als entfremdet wahrnehmen.

Für mich persönlich spielt Entfremdung oft auf einer individuellen Ebene eine Rolle: Dann nämlich, wenn ich die Verbindung im SM zu meiner Spielpartnerin verliere, wenn ich merke, dass es eher um Rollenstereotype als um tatsächliche Bedürfnisse geht, wenn die eigenen Bedürfnisse nicht mehr gespürt und stattdessen mit Unterwerfung oder Schmerz kompensiert werden oder ich keinen Bezug mehr herstellen kann zu den Bedürfnissen meiner Partner*innen. Entfremdung erlebe ich, wenn Kritik an solchen Mechanismen nicht mehr möglich ist, das gilt für mich aber für alle zwischenmenschlichen Beziehungen.

Ersatz hängt für mich eng mit Entfremdung zusammen. BDSM wird in meinen Augen in dem Moment gefährlich, in dem ich meine Bedürfnisse nach Macht und Gewalt nicht reflektiere, Wut, Versagensängste oder Selbstzweifel damit kompensiere. Ich selbst möchte diese Bedürfnisse nicht durch irgendeine Ersatz-SM-Handlung befriedigt wissen, sondern mich damit auseinandersetzen und als Mensch wahrgenommen werden, nicht als Statistin in seltsamen Rollenbildern.

F.: Danke für das Interview, Mona.

zimtkopfliest: Gern, bis bald!

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Queering the Canon?

Ganz früh in meiner Schulzeit hatte ich oft fantastische, kritische Deutschlehrer*innen, die mich nicht nur sehr geprägt haben, sondern auch die Fähigkeit besaßen, mich für die Literatur zu begeistern, die in ihren Lehrplänen vorgesehen waren. Auf sehr moderne Literatur konnte ich mich erst ziemlich spät einlassen, aber wenn es um sogenannte klassische Werke ging, war ich immer schnell davon zu begeistern. Mich fasziniert, wie sehr Bücher eine Zeit beeinflussen können und wie viel sie mit Menschen machen können.
Das ist nach wie vor so. Nur ist mein Verhältnis zu dem, was als Weltliteratur oder auch wissenschaftlicher Kanon gilt, mittlerweile sehr viel angespannter.

Wer erstellt einen Literatur- und/oder Bildungskanon aus welchen Gründen mit welchen Privilegien? Welche hegemonialen Machtverhältnisse und Diskriminierungsformen wirken dabei? Was wird aus welchen Gründen nicht in einem Kanon aufgenommen?

Aktuell arbeite ich daran, einen queerfeministischen Lesekreis aufzubauen und stehe wieder vor einer Kanonproblematik.

Gemeinsam mit anderen möchte ich Texte neu- und wiederlesen, die uns verändert haben oder verändern können. Texte, auf die immer wieder Bezug genommen wird im akademischen Diskurs, wenn es um Gender oder Queer Studies geht. Die Ausrichtung wird also eindeutig wieder akademisch sein und nur gelegentlich aufgebrochen werden durch beispielsweise Kapitel aus Graphic Novels. Das soll eine ansprechende Mischung werden aus zentralen Artikeln und unbekannteren Beiträgen, gemeinsam erschlossen mit reflektiertem Redeverhalten und einer aktiven Vermeidung von Wissenshierarchien, die demonstriert werden.

Aber wie kann ich eine Auswahl treffen und dabei Ausschlüsse reflektieren?

Welche Texte sind das für euch von denen ihr immer wieder hört und die ihr als kanonisiert empfindet? Welche zentralen Texte gehen dabei immer wieder unter? Wie kann ich verhindern, dass der Raum, den ich schaffen will, nur auf dem Papier Trans*-/Inter/A-offen ist oder dass die Veranstaltung wieder eine sehr weiß* geprägte wird in der wir, wahrscheinlich alle aus einem akademischen Hintergrund kommend, über Black Feminism diskutieren?

Funktioniert queering als politische Praxis bei so einer Literaturauswahl ausschließlich darüber, dass beispielsweise dem zum Erbrechen weißen*, euro-, andro- und anthropozentrischem (das ist dann wohl das, was viele unter dem Begriff humanistisch verstehen), bildungsbürgerlichen, erstaunlich unkritisch gelassenem Kanon der Philosopie queerfeministische Texte entgegengesetzt werden? Den bestehenden Kanon gründlich, aber kritisch lesen, demaskieren und ihn erweitern?