Bloß nicht zynisch werden

„Desillusioniert, jeden Tag ein bisschen mehr. Das ist in diesem Land ja auch wirklich nicht so schwer. Da kannst Du doch den Glauben an das Gute nur verlieren.“

YOK Quetschenpaua trägt mich durch diese Zeiten und But Alive, Freund*innen und Menschen wie Chase Ross und Ashley Wylde.

Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten Wochen am liebsten im Quadrat gekotzt hätte.

Vor Kurzem wurde ich gefragt, wieso ich mir immer noch Gedanken um queerfeministische Themen mache – trotz des Hirntumors. Wie spannend die Diskussion darüber sich entwickelt hätte, werden wir leider nie erfahren, es blieb bei der vernichtenden Frage. Manchmal, wenn ich davon spreche, dass ich für mich und mein Leben nicht gern mit dem Konzept Glück arbeite, gibt es ein bemitleidendes Glitzern im Auge meines Gegenübers, ganz leise nur. Oft wollen wir dabei eigentlich Ähnliches: Ein spannendes, sinnvolles Leben mit vielen Erlebnissen, die sich tief in die Erinnerung brennen, und Menschen um uns herum, die uns tatsächlich nah sind. Ich hatte, sei es durch frühe Erfahrung mit Depressionen oder nicht, früh eine sehr ernste Seite in mir, eine, die sich in den letzten Jahren in ein sehr starkes Gerechtigkeitsdenken verändert hat. Die Krebsdiagnose war dafür keine Ursache, aber sicher ein Katalysator.

Es ist wenig Überraschendes dabei, dass lang geplante und immer wieder verschobene Projekte, Lebensziele und Werte in diesen Zeiten stark konzentriert werden. Möchte ich ein Buch schreiben (ich hätte nebenbei erwähnt große Lust, in diesem November endlich mal am NaNoWriMo teilzunehmen, im letzten Jahr habe ich ihn schlichtweg verpennt – ist wer von euch dabei?), meine Jugendfreundin um Verzeihung bitten oder für mehr Gerechtigkeit und für eine Demaskierung von Herrschaftsverhältnissen kämpfen? Dann jetzt, in vier Monaten könnte es zu spät sein dafür. Es hätte gern anders sein dürfen, aber mein Tumor hat ein sehr deutliches Zeichen gesetzt, dass ich jetzt Prioritäten setzen muss. Wenig Zeit für eine Quarter-Life-Crisis, aber wer hat schon Zeit dafür. Auch keine Garantie für eine dauerhafte Veränderung, zweitausendsiebzehn bestand für mich zu einem großen Teil aus mittelschweren bis schwereren depressiven Episoden, die mich in Ohnmacht ans Bett gefesselt haben. Die Zeitbombe in meinem Kopf lähmt oft genug. Und dennoch: Ich könnte mir nicht mehr im Spiegel begegnen, wenn ich nicht wenigstens versuchen würde zu kämpfen für meine Themen. Das Ziel: Eine handvoll Menschen erreichen und etwas zurücklassen, das demaskiert und Alternativen zeigen. Deshalb mache ich emanzipatorische Videos, trotz aller Gegenwehr. Ich habe nicht vor, mich brechen zu lassen davon, das bedeutet aber nicht, dass es einfach wäre.

Die rhetorische Frage von der ich sprach hat sich explizit auf das Thema Gender, Queerfeminismus, Kämpfe um Sichtbarkeit und Veränderung bezogen. Sie hat vergessen, dass ich mich mit dem Thema nicht als Freizeitbeschäftigung auseinandersetze, sondern weil ich muss. Meine transition ist keine Wahl, sondern etwas, das sich seit meiner Jugend in verschiedenen Formen angekündigt hat. Kein Spiel, kein Sprachfetisch, sondern sehr bitterer Ernst. So ernst, dass es mich vernichten würde, es runterzudrücken. Im deutschsprachigen Raum gibt es sehr wenig Repräsentation von Non-Binary Personen im Film, in der Literatur, in Musik oder auch über soziale Medien. Für mich ist es wesentlich, daran etwas zu verändern. Also möchte ich mehr arbeiten zu queerfeministischen Themen, explizit auch zum Thema Non-Binary, Privilegien, Konstruktion und Machtstrukturen. Diese Arbeit ist unbeschreiblich kräftezehrend und ich brauche lange Regenerationsphasen um mich, weniger von Kommentaren, den Beleidigungen, Gewaltandrohungen und meiner Fassungslosigkeit darüber, also über die Strukturen und ihr Ausmaß, ihre Stärke, ihre Mechanismen, soweit zu erholen, dass es irgendwie und mehr schlecht als recht weitergehen kann. Wieso tu ich mir das nur an? Weil es mir die Welt bedeutet, immer wieder. Und weil ich außerhalb meiner supportenden, verständnisvollen (liebevollst) als linksversifft zu bezeichnenden Blase möglicherweise noch andere erreichen kann. Für mich führt kein Weg daran vorbei. Ich bin jetzt aber sicher an einem Punkt an dem ich dabei sehr für mich sorgen muss und Banden bilden, wenn ich mit queerfeministischer Politik auf YouTube Deutschland weitermachen möchte.

 

Offene Fragen an mich:

Wie lässt sich ein queerfeministisches Netzwerk im Medienbereich bilden?

Wie kann es neben emotionalem und organisatorischem Support selbst politisch aktiv werden?

Was bedeutet politische Selfcare für mich und wie kann ich, die* es für die Depression nie geschafft hat, dergleichen zu etablieren, Prävention tatsächlich ernst nehmen und in meinen Alltag einbauen?

Wie können Disability und Aktivismus gut funktionieren, wie kann ich auf meine erworbene Behinderung Rücksicht nehmen, welche Ressourcen habe ich in Situationen in denen die Diskussion zu eskalieren droht?

Wie kann ich in all dem und mit Behinderung und sehr hoher Sensibilität darin überleben?

Wie kann ich meine Resilienz aktiv trainieren, trotz der widrigen Lebensumstände stabil bleiben, mir ein „dickeres Fell zulegen“ und in Notfällen meinen Kopf in der Verzweiflung über hegemonale, diskriminierende Strukturen ausschalten, einen konstruktiven Umgang damit finden, nicht immer, aber wenigstens manchmal? Worin finde ich Kraft und wie kann ich einen „Gedankenstop“ instalieren?

 

Habt ihr, wenn ihr selbst aktivistisch arbeitet, Empfehlungen für mich?

Liebst,

joh.

(kein Pronomen)

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Kastanien im Kopf

Ihr Lieben,

da habe ich gerade erst vom Reisen geschrieben und bin schon wieder unterwegs – Hamburg und Schweden, heute! Viel Produktivität in diesen Tagen, viel Fernweh und liebe Menschen, denen Entfernung nichts bedeutet. So schön.

Vielleicht erinnern sich einige noch an diesen Beitrag, den ich vor über einem Jahr geschrieben habe. Es war mir ein Bedürfnis, das ein weiteres Mal aufzuarbeiten, in Bild und Ton. Wer weiß, möglicherweise mag ja wer eine Zusammenfassung von damals haben, ergänzt um ein paar Neuigkeiten und mein Gesicht?

Ich bin dann mal bei den Apfelbäumen, bis ganz bald!